Nikolauszeit im Ruhrgebiet

Eine Geschichte von Fred Hell, damals 10 Jahre alt

 

 

Als ich so ca. 10 Jahre alt war, erlebte ich das erste Mal die Adventszeit bewußt, das heißt, bis zu diesem Zeitpunkt war Nikolaus und Weihnachten eben da, einfach so da, ich hatte es jedes Jahr vor Augen, und doch schien es so, als wenn diese Zeit einfach dahin floß. Es war ja auch immer dasselbe in der Adventszeit.

 

Meine Eltern richteten das Weihnachtsfest aus, und mein Bruder und ich nahmen daran teil. Jetzt war plötzlich alles anders. Es begann damit, daß wir in der Schule intensiver darüber sprachen. Eigentlich hatte mich das so richtig gar nicht berührt. Wieso, weiß ich nicht genau, mein Interesse wurde augenblicklich geweckt. Es war auf einmal so interessanter als die Male vorher.

 

Als die Geschichte vom hl. Nikolaus in der Klasse erzählt wurde, hörte ich so aufmerksam zu, wie nie zuvor. Unser Lehrer machte uns dann auf einen Wettbewerb aufmerksam, der in unserer Stadt ausgeschrieben war. Gehört hatten wir alle schon die Jahre vorher davon, doch beteiligt hatten wir uns noch nie. Aber es gab etwas zu gewinnen.

 

So hörten wir ganz besonders zu, um was es da ging. Jedes Jahr, am 6. Dezember, am Nikolausabend, zog durch unsere Stadt der Nikolauszug. Hunderte von Menschen waren da und säumten die Straßen, um zu sehen, was die Leute, die mit dem Zug gingen, für schöne Laternen hatten.

 

Wir wurden vom Lehrer dazu aufgefordert, doch für den Nikolauszug Laternen zu basteln, die dann in einem städtischen Kaufhaus ausgestellt würden, und die besten und schönsten bekämen dafür einen der begehrten Preise. Das gefiel auch mir, und so erzählte ich es meinen Eltern. Ich wollte da unbedingt mitmachen, und natürlich auch gewinnen.

 

Mein Onkel, der bei meiner Oma lebte, hatte die tollsten Einfälle, und ihm hatte ich es auch erzählt. Da meine Oma direkt nebenan wohnte, war es für mich eine Kleinigkeit, immer dann wenn ich meine Schulaufgeben fertig hatte, zu ihr zu gehen, um mit meinem Onkel darüber zu reden.

 

Er arbeitete in einer Buchbinderei, konnte also auch an die verschiedensten Pappen und Papiere kommen. Zuerst machten wir einmal eine Zeichnung von der Laterne. Ich hatte überhaupt keine Ahnung davon, doch mein Onkel war in dieser Beziehung ein richtiger Künstler. Sie sollte nicht wie alle anderen einfach nur 4 Seiten haben, nein sie sollte aussehen, wie eine richtige Straßenlaterne, die in unserer Straße hingen und mit Gas beleuchtet wurden. Unter der Straßenlaterne hing ein kleiner Faden herunter, an dem abends ein extra dafür abgestellter Mann zog, um das Gaslicht in der Laterne zu zünden.

 

Genau solch eine Laterne, dachte ich, würde mir auch den ersten Preis zusichern. Mein Onkel war ja so schlau, daß wir die Laterne nicht aus Pappe anfertigen wollten, denn es könnte ja auch mal am Nikolausabend regnen, und dann würde die Arbeit für die Katz sein, wenn die Laterne durch den Regen durchfeuchtete und ausging, denn in der Laterne befand sich ja eine normale Kerze, die angezündet werden mußte.

 

Nein Pappe sollte es nicht sein, es mußte Sperrholz sein. Dieses Sperrholz konnten wir uns einfach besorgen in einer sich in der Nähe befindenden Schreinerei. Dann gingen wir gemeinsam ans Werk. Mit Blaupapier übertrugen wir die vorher angefertigten Zeichnungen auf das Sperrholz und sägten fünf Seitenteile aus.

 

Anschließend auch noch 5 Teile für das Dach. Auf jeder Seite war ein anderes Motiv zu sehen und auf den Dachteilen ebenfalls. Das war eine für mich schwere Aufgabe, denn die Motive mußte ich eins nach dem anderen mit der Laubsäge aussägen. Dann wurden die Teile mit speziellem Leim zusammengeklebt, und vorher noch mit verschieden farbigem witterungsfestem Papier beklebt, damit die Motive der Laterne, wenn die Kerze darin brannte, von allen Seiten richtig bunt aussahen.

 

Aber das schaffte ich mit Hilfe meines Onkel dann doch noch. Als sie fertig war, gingen wir in das entsprechende Kaufhaus, um meine Laterne einzutragen für den Wettbewerb. Doch als ich da ankam und die vielen wunderschönen Nikolauslaternen sah, dachte ich bloß, Mist hier kannst du keinen Blumentopf gewinnen.

 

Es waren nicht nur kleine laternen zu sehen, nein große überdimensionale Laternen, die schon auf einen Besenstiel gebaut waren, so schwer und doch so schön. Es verschlug mir den Atem. Was soll´s dachte ich, nun bin ich schon einmal hier, man kann nur gewinnen.

 

Ein paar Tage vor dem Nikolausumzug kam dann die Auswertung, und wie es kommen mußte, ich war nicht bei den Preisträgern. Die ganze Arbeit für die Katz. Meine Eltern, meine Oma und mein Onkel machten mir wieder Mut, ich solle doch den Kopf nicht so hängen lassen, beim nächsten Mal machen wir eine noch schönere und größere Laterne.

 

Nichts desto trotz nahm ich aber am 6 Dezember als es dämmerig wurde am großen Nikolausumzug teil. Es war richtig schön. Vorneweg der Nikolaus auf seinem weißen Pferd und nebem ihm 2 Knechtruprechte. Die sahen furchterregend aus in ihren schwarzen Kostümen. Mit einer Rute versehen fuchtelten sie andauernd in der Gegend herum, und gaben schon mal den einen oder anderen Klaps einigen Kindern, manchmal auch den Erwachsenen.

 

Sie sollten den Kindern wohl ein bißchen Angst einjagen, bei vielen klappte das auch ganz gut. Wir wußten ja nicht, was in dem goldenen Buch stand, das der Nikolaus so bei sich trug. Davor hatten wir Kinder doch schon ein wenig Angst. Während der Zug so durch die Innenstadt zug, wurden kräftig Weihnachtslieder und Nikolauslieder gesungen.

 

Das war schon eine feine Sache, als die vielen Laternen mit ihren Kerzen leuchteten in den schönsten Farben. Manche Eltern hatten ihre kleinen Kinder auf den Schultern sitzen, auch sie trugen kleine leuchtende Laternen. Bunt und funkelnd sah der ganze Nikolausumzug aus. Als er dann zum Rathaus kam, löste sich der Zug langsam auf. Der Nikolaus mit den Knechtruprechten verabschiedeten sich und wir gingen langsam auch nach Hause.

 

Hier erwartete uns dann noch der eigentliche Nikolaus, denn das Fest begann ja erst jetzt. Zu Hause angekommen, sammelten wir uns in der Küche um den Tisch. Die Eltern, meine Oma und mein Onkel mit seiner Frau und meinem Cousin. Mein Bruder war noch viel zu klein, als daß er überhaupt etwas davon mitbekam.

 

Für das Abendessen hatte meine Mutter vorher schon gesorgt, es mußte nur noch alles hergerichtet werden. Es gab, wie so oft am Nikolausabend gebratene Heringe mit Salzkartoffen. Das war zwar für mich nicht gerade das gelbe vom Ei, doch was sollte ich machen?

 

Wichtiger als das Abendessen war für mich der Nikolaus, der ja noch hier auftauchen sollte. Auf Nachfrage bei meiner Mutter, erhielt ich die einfache Antwort, sie hätte ihn vorhin schon in der Straße gesehen, und er würde uns schon nicht vergessen. Wenn ich ehrlich sein soll, lieber wäre es mir, er käme gar nicht, sondern ließ einfach seine Geschenke vor der Haustür, und würde zum nächsten Kind gehen.

 

Ich hatte noch schlechte Erinnerungen vom letzten Jahr an ihn, da kam er nämlich auch und brachte auch noch den Knechtruprecht mit, der natürlich ein bißchen auf mit herumhaute mit seiner Rute. Gut mein Vater bekam auch eine kleine Streicheleinheit von ihm, doch das war vorher wohl abgesprochen.

 

Nur dieses Mal hatte ich vorgesorgt. Damit die Schläge vom Knechtruprecht nicht so hart ausfielen und auch nicht so schmerzten, hatte ich mir vorsichtshalber Hosen unter meine jetzige Hose gezogen. Sogar meine Lederhose war darunter. Er sollte nur kommen, ich war gerüstet.

 

Und dann klingelte es vor dem Haus , es war das bekannte Klingeln mit dem Glöckchen des Nikolaus. Langsam, aber sicher zog ich mich schon vorsichtshalber in eine Ecke zurück, hoffte so, daß er mich heute übersehen würde. Doch weit gefehlt. Er stand plötzlich im Zimmer, schlug sein goldenes Buch auf und sprach uns alle an, schaute dabei aber eigentlich nur auf mich.

 

Was wußte der nur, dachte ich. Erst erzählte er für mich belangloses Zeug, doch dann kam er zur Sache. Er wendete sich mir zu, in dem Augenblick sah ich , daß da noch jemand hinter ihm war. Wie ich es vermutet hatte, stand da mal wieder dieser von mir so verhaßte Knechtruprecht mit seiner Rute.

 

Alles an ihm war wie immer schwarz, seine Kleidung, sein Gesicht, ja sogar seine Hände, man wußte gar nicht, freute er sich, oder bemitleidete er mich. Nachdem der Nikolaus endlich so seine Sachen aus dem Buch vorlas, kamen natürlich auch mal wieder meine Schandtaten auf den Tisch, die ich mir so über das ganze Jahr geleistet hatte.

 

Und als ich noch darüber nachdachte, gelobte ich dem Nikolaus so ganz nebenbei, wie in Trance, ich würde mich bessern, und das würde nie mehr passieren, usw. usw. Was ich alles aus Angst gestammelt hatte, weiß ich auch nicht mehr so genau, doch eins weiß ich, das werde ich dem Knechtruprecht nie vergessen, ich mußte mich über sein Knie beugen. Dabei wurde mir die Hose stramm gezogen, damit das wohl auch weh tun sollte, wenn ich von ihm ein paar Hiebe mit der Rute drübergezogen bekam.

 

Hierbei merkte er so ganz beiläufig, das ich noch mehrere Hosen anhatte, die ich dann auch sofort ausziehen mußte. Irgend jemand von der Familie mußte ihm das gesteckt haben, denn woher sollte er das denn wissen. Es nützte alles nichts, ich war der Dumme.

 

Später dann, als der Nikolaus sich von uns verabschiedete, kam Knechtruprecht noch mit dem schwarzen Sack, und holte ein paar Geschenke hervor. Zwischendurch hatte er aber auch damit gedroht, mich in den Sack zu stecken und mich mitzunehmen. Na ja. Ging noch mal alles gut.

 

Wir verabschiedeten die beiden mit einem schönen Lied über den Nikolaus, und nachdem beide dann verschwunden waren, atmeten wir so richtig durch. Das war überstanden. Jetzt konnten wir uns den Geschenken widmen, und das taten wir dann auch ausgiebig.

 

Kurze Zeit später kam dann auch mein Onkel wieder herein, der, bevor der Nikolaus kam, noch einmal in die Firma mußte, weil es da drunter und drüber ging. In dem Alter habe ich ihm das auch noch geglaubt. Doch ein Jahr später merkte ich an seinen Augen und seiner Stimme, das der Nikolaus mein Onkel war.

 

Von da an hatte sich das mit dem Knechtruprecht von ganz alleine erledigt. Trotz alledem wurde es dann doch noch ein herrlicher Nikolausabend. Wir konnten mit den Geschenken spielen, die Eltern und Onkel, Tante und meine Oma unterhielten sich den ganzen langen Abend. Erst als ich ins Bett mußte, merkte ich, daß der Tag mit dem Nikolauszug und der Abend mit dem Knechtruprecht ein wenig zu viel war, denn ich schlief so schnell ein und träumte schon wieder von dem bevorstehenden Weihnachtsfest.